Die Frage der Natur
Es herrscht eine Art fahrlässige Intellektualität im Glauben, die Natur sei gut, und eine Art Unehrlichkeit in der Förderung dieses Glaubens um Nahrungsmittel zu verkaufen. Die Natur ist weder gut noch schlecht: sie ist beides. Der Frühling bringt Früchte und Gemüse zum Blühen, und der Winter bringt das Hungern. Die Menschheit hat kontinuierlich nach Möglichkeiten gesucht, sich vor der natürlichen Umwelt zu schützen. Wenn wir Kleider tragen und in Häuser wohnen, ist es weil dieser idyllische Zustand der Natur, den wir uns seit jeher einbilden, sich weit fortbewegt hat von der Realität.
Wir sollten uns zweimal überlegen bevor wir abschließend feststellen, dass die Chemie vom Teufel stammt. Die Chemie, wie auch die anderen Wissenschaften streben nach dem Wissen. Und ist das Wissen nicht die grösste Errungenschaft des menschlichen Geistes?
Aus dem Buch „The Quintessential Art“ der Gegensatz zwischen Natur und Kunstfertigkeit:
Im Kochen kommt es vor, dass man sagt, wir sollten die Natur respektieren - was aber wenn das Respektieren der Natur nicht gut für uns ist? Rohe Karotten sind zu hart für Menschen mit schlechten Zähnen; einige weisse Bohnen sind im rohen Zustand gefährlich, weil sie blutgerinnungshemmende Proteine namens Lektine enthalten; und eine gemahlene Muskatnuss kann tödlich sein für den Menschen, der alles auf einmal isst, weil der gemahlene Keim giftige Moleküle enthält.
Köche haben wirklich weniger Grund sich um die Qualität der natürlichen Produkte zu kümmern, als die Bauern, die sich darum bemühen sie mit hervorragendem Gemüse zu beliefern, oder die Tierzüchter, die sich bemühen sie mit gesundem und zartem Fleisch zu beliefern. Köche würden sich besser mit der Zufriedenheit Ihrer Gäste beschäftigen.
Die Idee, dass einer mit „natürlichen“ Lebensmitteln kochen sollte, ist eine andere Illusion. Der Ahne des Weizens, wie wir ihn heute kennen, war natürlich, aber es war auch eine verkrüppelte Pflanze, die nur einige trockene, dürre Körner produzierte. Der Ahne des modernen Rindes war eine abgemagerte Kreatur. Die wilden Karotten sind mitleiderregend. Seit den frühesten Zeiten hat die Menschheit versucht Gemüse und Tiere zu domestizieren. Durch die Kreuzung der produktivsten Individuen war es möglich die heutigen Weizen zu erhalten, zum Beispiel, mit Ihren fülligen, runden Körnern. Die sind voll mit Geschmack um unser Brot zu backen - und dabei alles, ausser natürlich! Das gleiche gilt für das Rind, das Schwein, die Tomaten, die Peperonis, die Birnen und auch die Äpfel, ja. Haben sie jemals schon eines dieser kleinen wilden Apfel, die sie manchmal im Wald finden probiert? Die schmecken furchtbar sauer und bitter. Kurz gesagt, es ist eine Ewigkeit her seid wir das letzte mal was natürliches gegessen haben.
Natürlichkeit ist nichts weiteres als eine Fantasie im Kochen. In der Tat könnte nichts unechter, nichts absurder oder ungerechtfertigter sein. In der gleichen Weise wie wir, lieber Kleider anziehen anstatt nackt rumzulaufen, lieber in Häuser leben anstatt draussen zu schlafen, unsere Narungsmittel nicht einfach nur Kochen um sie zart zu machen und sie zu veredeln, sondern auch um ihnen Geschmäcker zu geben, sie sie im natürlichen Zustand nicht haben. Kochen ist was vollständig künstliches, wie das Wörterbuch bestätigt.“ Künstlich: geschaffen durch soziale Kompetenzen; Produziert von Menschen; nicht natürlich!“
In grossen Städten aufeinander gestapelt lebend, vollgestopft in Unterführungen, Züge und Busse, stecken bleibend in Verkehrskolonnen, sehnen wir uns nach den grossen Flächen der Wälder, die Ebenen und die Berge. Wir bevorzugen das grüne Gras anstatt das graue Beton. Die Idee dass wir die Natur lieben ist in uns verankert.
Wenn es um Nahrungsmittel geht, führt diese unvernünftige Emotion gewisse Menschen zur Ansicht, dass sie, wenn sie rohes Gemüse essen, so Ihren Respekt zur Natur bekunden. Aber warum? Warum sollten wir rohes anstatt gekochtes Gemüse essen? Lasst uns das wesentliche ins Auge fassen.
John Stuart Mill



